Warum unsere eigene Webseite wirklich so lange gedauert hat.
Schuster mit den schlechtesten Schuhen, Agentur mit der ältesten Webseite. Ein ehrliches Geständnis, warum unser eigener Relaunch fast drei Jahre auf der To-do-Liste lag, und was uns endlich aus der Schublade geholt hat.

Von Liv Schläfli
Inhaberin, Digital & Content
Es gibt diesen Moment in fast jedem Erstgespräch, in dem ein Kunde freundlich fragt: «Und eure Webseite, die machen wir auch noch neu, oder?» Wir lachen dann etwas zu laut, schauen kurz aus dem Fenster und sagen: «Demnächst.» Demnächst war über zweieinhalb Jahre lang ein sehr dehnbarer Begriff. Irgendwo zwischen «nächstes Quartal» und «sobald Halleys Komet wiederkommt».
Die ehrliche Wahrheit, in einem Satz: Kundenarbeit war immer dringender, als die eigene Webseite wichtig war. Klingt logisch, ist aber dumm. Denn die Webseite ist genau das, was Kundinnen und Kunden anschauen, bevor sie überhaupt mit uns sprechen.
Grund eins: zu viele Köche, alle vier mit Geschmack. Wir sind eine Familie aus Kreativen, jeder hat eine Meinung zu Typografie, Farbe und Tonalität. Beim ersten Anlauf 2023 hatten wir nach drei Wochen vier Moodboards, die in vier verschiedene Richtungen liefen. Niemand wollte nachgeben, also hat keiner gewonnen. Ergebnis: nichts ist passiert.
Grund zwei: wir wollten alles auf einmal sagen. Brand-Refresh, Positionierung, KI-Story, Familien-Erzählung, Journal, Karriere-Seite, Kundenportal. Wir haben uns selbst eine Anforderungsliste hingelegt, die wir keinem Kunden in dieser Form je verkauft hätten. Lehre, die wir bei Kunden täglich predigen und bei uns selbst ignorierten: erst Phase 1 launchen, dann Phase 2 schreiben.
Grund drei: das Sabbatical. Vom 5. Dezember 2023 bis am 4. Januar 2025 war ich, Liv, mit meinem Partner Claudio ein gutes Jahr unterwegs. Wir hatten beschlossen, in dieser Zeit keine Eigenprojekte anzufangen, die nur ich treiben kann. Die Webseite war eines davon. Im Nachhinein richtig, im Moment frustrierend.
Was uns endlich rausgeholt hat: ein neues Werkzeug und eine harte Deadline. Anfang 2026 haben wir mit Replit AI angefangen, Konzepte direkt in Code zu prototypisieren, statt drei Wochen in Figma zu polieren. Plötzlich konnten wir morgens eine Idee diskutieren und am Nachmittag eine klickbare Version ansehen. Das hat die Schlaufe, in der wir steckten, brutal verkürzt.
Dazu kam Aline mit dem ehrlichsten Satz, den jemand zu einem Familienmitglied sagen kann: «Wenn wir das nicht bis Mai live haben, präsentieren wir Kundinnen und Kunden weiter eine Seite, die nicht zeigt, wer wir geworden sind.» Punkt. Deadline gesetzt, Scope halbiert, keine Diskussion mehr über das blauere Blau.
Was wir aus dem eigenen Projekt mitnehmen, und sofort an Kunden weitergeben: erstens, Eigenprojekte verdienen denselben Plan wie Kundenprojekte, mit Verantwortlicher, Budget und Stichtag. Zweitens, ein erster Wurf, der live ist, schlägt einen perfekten Wurf, der in der Schublade bleibt. Drittens, wer als Agentur über KI spricht, sollte sie auch im eigenen Haus benutzen, sonst ist es Marketing.
Diese Webseite hier ist also nicht der Endpunkt, sondern Phase 1. Die nächsten Sachen, eine echte Kundenarea, ein paar Tools für unser Team, ein Kalender für Slot-Buchungen, kommen Schritt für Schritt. Aber sie kommen nicht mehr, wenn sie perfekt sind. Sie kommen, wenn sie fertig genug sind.
Falls ihr uns also gerade hier lest und denkt «Bei uns liegt sowas auch seit Ewigkeiten in der Schublade»: ihr seid in guter Gesellschaft. Sprecht uns an, wir kennen jede Ausrede, wir hatten sie selbst. Und genau deshalb wissen wir, wie man da rauskommt.
